Bücher Dezember 2019, Rezensionen

Stefanie de Valesco – Kein Teil der Welt

Titel: Kein Teil der Welt

Autorin: Stefanie de Valesco

Verlag: Kiepenheuer &Witsch

Genre: Roman

Erschienen am: 10.10.2019

Format: Hardcover m. Schutzumschlag

Seitenanzahl: 432

Wenn wir uns immer nur Gedanken um die Zukunft machen, anstatt zu handeln, bleibt alles, wie es ist. (Sulamith)

Stafanie de valesco – kein teil der welt

Der Titel ist mehr als treffend und beschreibt mit nur vier Worten, wie das Leben der Protagonistin ist, nämlich kein Teil der Welt, bzw eine kleine andere Welt in der großen Welt ,außerhalb der Käseglocke ihres Daseins. 

Stefanie de Valesco erzählt die Geschichte von Esther, einer Jugendlichen in den 1990ern, kurz nach der Wende und ihr Aufwachsen und Leben bei den ‚Zeugen Jehovas‘. Esther wächst bei ihren Eltern auf und ist seit Geburt Teil der Glaubensgemeinschaft, ihre Eltern sind hohe Tiere in der Hierarchie der Zeugen Jehovas und dienen als „treue und verständige Sklaven“ nicht stundenweise, sondern vollzeit. Seit Esther denken kann ist Sulamith an ihrer Seite, ihre beste Freundin, ihre Seelenverwandte, ein Teil ihrer selbst und ebenfalls, zusammen mit ihrer Mutter, Mitglied der Gläubiger Jehova’s. Sulamith war schon immer anders, ein freier Geist, offene Augen, hinterfragend, neugierig und mit zunehmendem Alter, wachsendem Verständnis für Zusammenhänge und Abstraktes, wird es immer deutlicher, dass sie sich in diesem Regelwerk nicht zuhause fühlt, dass sie mehr will, dass sie sich selbstbestimmt will. Das junge Mädchen ist irgendwann weg, nicht mehr Teil der Gemeinschaft, dies erfährt man als Leser sehr zu Beginn und die zentrale Frage ist ‚wo ist Sulamith?‘, was ist geschehen, warum muss Esther in einer Nacht- und Nebelaktion mit ihren Eltern, einer Entführung ähnlich, vom Rheinland in die Ex-DDR ziehen???  

Gegliedert ist er in zwei Teile, ‚Genesis‘ (grc. ‚Geburt‘, ‚Ursprung‘, ‚ Entstehung‘; Kapitel 1-12; 1. Buch Moses) und ‚Exodus‘ (grc. ‚Auszug‘, ‚Ausgang‘; 2. Buch Moses; Kapitel 13-22). Die Kapitel selbst sind voller Zeitsprünge, der Zeit ‚davor‘, in Geisrath, mit Sulamith und der Zeit ‚danach‘, in Peterswalde, ohne Sulamith. Im ersten Teil sind die Zeitsprünge von längeren Abständen, als Leser erfährt man viel über die handelnden Personen, einige Begriffe werden deutlich, die Abläufe, Strukturen in der Gemeinschaft, die Zeit, in der Roman spielt und all dies sehr bildhaft, präzise und flüssig. Im zweiten Teil werden die Zeitsprünge immer enger, der Wechsel fliegend und die Atmosphäre immer dichter und der Sog nimmt an Wirkung und Stärke zu. 

Ich hatte Mühe den Roman als Ganzes zu betrachten, den Fokus auf der Handlung zu lassen, denn es unmöglich dem, in diesem Werk, geschilderten Leben bei Jehova’s Zeugen wertfrei zu begegnen, gelöst von den eigenen Maßstäben, nicht die Kontroversen zu sehen, gar Menschenrechte, wie Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, Gesundheitsfürsorge, Freiheit, Meinungsäußerung, Untantastbarkeit der Würde, uvm. missachtet zu empfinden. Ich hatte beim Lesen oft ein Engegefühl in der Brust, wollte den ein oder anderen kräftig schütteln und nach dem Verstand fragen, manche einfach nur fest in den Arm nehmen und flüstern ‚alles wird gut‘ und vor allem wollte ich wissen, was Sulamith geschehen ist. Die Charaktere sind ganz fein gezeichnet, authentisch bis zuletzt, auch optisch ganz klar beschrieben in Gestik, Mimik, Bewegung, ich sah alles in Farbe, roch das Essen und die Menschen, fühlte ganz ganz viel, in erster Linie Traurigkeit, Verzweiflung, Sorge, Angst, Ohnmacht, Misstrauen. Aufrüttelnd war es für mich, aus der eigenen Welt wieder sensibilisiert für die ganzen kleinen Welten in unserer Welt. 

Die Autorin selbst ist in dieser Glaubensgemeinschaft aufgewachsen, bis zu ihrem 15. Lebensjahr war sie Teil dieser Welt und ist dann ausgetreten. Der Roman ist dennoch rein fiktiv, die Orte, Personen, Handlungen, Geschehnisse in diesem Werk Fiktion.