Bücher, Januar 2020, Rezensionen

Yishai Sarid – Monster

Titel: Monster

Originaltital: Mifletzet HaSikaroi

Autor: Yishai Sarid

Übersetzung: aus dem Hebräischen Ruth Achlama

Verlag: Kein & Aber

Format: Hardcover m. Schutzumschlag

Erschienen am: 04.02.2019

Seitenanzahl: 176

Ich musste das tun

monster – Yishai Sarid

Dieses schmale Buch mit dem rein typografischem Cover hat meine Neugierde geweckt. Auffällig für mich war nicht der Titel, vielmehr die geschickt ins „N“ und „T“ eingebauten Gleise mit ihren Prellböcken und somit der Endstation im Wort Monster

Zu Beginn des Romans wird klar, dass etwas geschehen ist, dass der Protagonist etwas getan hat, es einen Vor- und Zwischenfall gab, wo er seine Kontrolle verloren hat, was in der Folge so gravierend ist, dass er dem Direktor von Yad Vashem eine Stellungnahme zukommen lassen muss. Der Roman ist dieser Brief, sein Brief an den Direktor, den man als Leser*in in den Händen hält und es ist ein ganz geschicktes Stilmittel, denn mit jedem „Sie“,  jeder Ansprache des Protagonisten in dritter Person, fühlt man sich indirekt auch angesprochen und so erfährt man seine Geschichte, denn er erklärt ausführlich von den Gründen und der Vorgeschichte, die zum Knall führt. Der Protagonist dieses Romans ist namenlos, Israeli, Historiker, Doktorand auf dem Gebiet Holocauststudien und das nur aus pragmatischen Gründen, seine berufliche Zukunft hatte er sich anders vorgestellt, doch frisch verheiratet und mit kleinem Kind steht finanzielle Sicherheit an oberster Stelle. Auch aus diesem Grund nimmt er eine Stelle bei Yad Vashem an und übernimmt Führungen. Yad Vashem ist ein Museum in Jerusalem, eine lebendige Gedenkstätte des jüdischen Volkes an den Holocaust, um die Vergangenheit und deren Bedeutung an die jetzige und kommenden Generationen zu vermitteln. Der junge Historiker klettert die Karriereleiter höher und beginnt schon bald mit Führungen von israelischen Schulklassen, später auch Politikern, Botschaftern und Abordnungen israelischer Soldaten in den Vernichtungslagern in Polen (Ausschwitz, Birkenau, usw.). Innere Unruhe wächst täglich in ihm, sein Leben wollte er sorglos und unaufgeregt verbringen, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Durch die vielen Reisen nach Polen ist er tage- und wochenlang von seiner Frau und dem kleinen Sohn getrennt, während sich das Konto weiter füllt. Seine Nerven sind bisweilen so angespannt, dass er abends ohne Drink an der Hotelbar nicht mehr schlafen kann, die Enge im Brustkorb nimmt stetig zu, nervöses Lidzucken gesellt sich. Er gerät in einen Sog der Erinnerung, einen Strudel der Vergangenheit, sie nimmt ihn ein, das Monster hat ihn ergriffen. Während der Führung glaubt er die Vernichteten zu hören, sie reden, sie weinen und er weicht mehr und mehr von den vorgegebenen Abläufen der Führungen und den Texten ab, schildert manche Dinge viel ausführlicher, detaillierter, grausamer, realistischer, intensiver, direkter, das Monster erlangt immer mehr Macht. Das Monster, die Vergangenheit und der Mensch. Sein Kopf rattert unaufhörlich und er stellt Fragen während seiner Führungen, unangenehme Fragen, wer sind die wahren Mörder, wer die wahren Täter, wer Opfertäter, wer Täteropfer? Was lässt Menschen zu Mördern werden? Wer hätte z.B. einem kleinen Jungen Obhut gewährt und sein eigenes Leben riskiert, hätte er an die Türe geklopft? Wie viel ist tatsächlich ehrliche Erinnerungskultur und wie viel ist lediglich oder tatsächlich pure Instrumentalisierung des Gedenkens und der Erinnerung für eigene Zwecke und Vorteile? Wieso richtet sich der Hass nicht gegen die Deutschen? Die Aufträge werden weniger, der Direktor und die Reiseunternehmen erhalten Schreiben mit Beschwerden über ihn, über dieses Verhalten, diese scharfe Kritik. Anlässlich der 75. Wannseekonferenz soll in einem Vernichtungslager eine riesige Zeremonie stattfinden, mit allem was Rang und Namen hat, die Armee plant dargestellte Befreiungsmanöver mit Hubschraubern, uvm. und der Protagonist wird zur Mitarbeit gebeten, als Experte auf diesem Gebiet und dieser Orte, damit scheinen zunächst die finanziellen Einbußen durch mangelnde Aufträge ausgeglichen, doch dann taucht ein deutscher Künstler und Filmemacher auf…

Sarid’s Monster hat mich umgehauen, überrannt und sprachlos hinterlassen. Ich ziehe meinen Hut vor Yishai Sarid , der mit diesem Roman wagt auszusprechen und zu kritisieren, was als tabu gilt, er hält einen riesigen Spiegel vor und zwingt schonungslos hineinzusehen. Diesen Roman erkläre ich persönlich zur Pflichtlektüre zum Thema Holocaust. Ich habe schon so viel zu dem Thema, dieser Zeit gelesen und doch ist Monster neu und setzt an ganz anderen Stellen an. Stilistisch die Form eines Briefes zu wählen finde ich hier grandios, die Atmosphäre zwischen Buch und Leser*in ist dadurch dichter und enger, die Sogwirkung durch die reflektierte Ich-Erzählung des Verfassers größer. Nicht nur Gefühle und Gedanken werden hervorragend geschildert, auch das, was  der Protagonist sieht, die Umgebung, die Personen, was er hört und wahrnimmt. Rund um gelungen!!!