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Frankissstein – Jeanette Winterson

Titel: Frankissstein

Autorin: Jeanette Winterson

Original: Frankissstein, Übersetzung: Brigitte Walitzek, Michaela Grabinger

Verlag: Kein &Aber

Format: Hardcover

Seitenanzahl: 394 Seiten

Erscheinungsdatum: 08.10.2019

Der Körper ist nicht die Wahrheit dessen, was wir sind.

Frankissstein

Frankissstein – Eine Liebesgeschichte

Eine Liebesgeschichte in der Literatur kann bekanntlich alles sein. Dieser Roman hat auch tatsächlich nahezu alles im im Gepäck, was zu einer guten Liebesgeschichte gehört, spart glücklicherweise an Kitsch, Klischees, Romantik, Oberflächlichkeit und Vorhersehbarkeit. Kurz, keine klassische Liebesgeschichte, sondern ein großartiger Roman mit spannendem, vielfältigem Inhalt und etwas Liebe liegt dabei in der Luft.

1816 schreibt Mary Shelley bei Sturm und Regen in den schweizer Alpen ihren Weltroman FRANKENSTEIN und 200 Jahre später laufen sich der Arzt Ry Shelley (geboren als Mary) und der geheimnisvolle Spezialist auf dem Gebiet ‚Künstliche Intelligenz‘ Victor Stein über den Weg und verlieben sich ineinander, in der Hauptsache arbeiten sie zusammen. Ry, offiziell ein Mann, wenn auch sein Körper nicht gänzlich angepasst ist, fühlt sich, so wie er nun ist, wohl und genau dieser sexuell nicht eindeutige Zustand fasziniert Victor sehr. Ry unterstützt die Experimente von Victor, wird zum Lieferanten von Leichenteilen aus der Pathologie des nahen Krankenhauses. Während Victor vor allem seine Forschungen liebt und ein sehr mysteriöser Zeitgenosse ist, ist Ry sehr sensibel und hinterfragt die Gefühle von Victor, ob es letztendlich nur körperliche Faszination ist, die ihn zu Ry treibt oder mehr. Dieser Roman teilt sich in zwei Erzählstränge und als Leser*in springt man zwischen den Zeiten hin und her. Die Geschichte um Mary Shelley, eine starke Frau, die ihren Weg geht in einer Zeit, wo die Männer dominierten, ist als eine Art Tagebuch aufgebaut. Mary erzählt nicht nur von ihrem Monster und seinem Erschaffer Dr. Viktor Frankenstein, sondern auch viel von sich selber, ihren Gefühlen, Gedanken, sie ist der damaligen Zeit einiges voraus gewesen und war eine Freidenkerin.

Es ist also nicht einfach mit ‚Liebesgeschichte‘ getan, auch wenn die Liebe und Sexualität in beiden Handlungssträngen Themen sind.  Ebenso wenig geht es nicht nur um Forschung und Künstliche Intelligenz. Insbesondere die Experimente, man liest von freilaufenden Händen, gescannten Gehirnen und vielem mehr, werfen moralische und ethische Fragen auf. Einerseits erhält man Einblick in die Möglichkeiten, welche die KI bietet, aber auch die Gefahren werden deutlich.

Menschliche Intelligenz und Künstliche Intelligenz, Liebe, Leidenschaft und Toleranz, Ethik und Moral, Realität und Fiktion, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der teils schmale Grade zwischen den Dingen, die man denkt und denen, die man fähig ist zu machen. Der Roman ist alles andere als leichte Kost und doch liest er sich flüssig, leicht und einfach. Relativ schnell hat er mich gepackt und mitgerissen und mir gefielen sowohl die Story, als auch die nebenbei erworbenen (Er-)Kenntnisse. Die Charaktere sind alle wahnsinnig gut geschildert und sehr divers. Jeder hat seine Träume, Illusionen, Ziele, Wirklichkeit, Tiefen und auch Abgründe. Das Monster und seine Geschichte von Mary Shelley bilden zwar die Grundlage und Basis, aber bloß ein neuer Frankenstein in der aktuellen Gegenwart oder Zukunft ist es weitaus nicht. Ich habe den Roman als sehr informativ, tiefgründig, berührend, emotional, teils sehr witzig und skurril und vor allem sehr spannend empfunden.

Rundum sehr gelungen und eine klare Leseempfehlung!