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Der Kreis des Weberknechts – Ana Marwan

Titel: Der Kreis des Weberknechts

Autorin: Ana Marwan

Verlag: Otto-Müller-Verlag

Erschienen: September 2019

Format: Hardcover m. Schutzumschlag

Seitenanzahl: 191

Alleine zu leben, hingegen, bedeutete für Lipitsch das höchste Glück. Er lebte seit einem halben Jahr in einer Art Einsamkeit, die er vollkommen nannte.

Der Kreis des Weberknetchs

Karl Lipitsch, 40 Jahre alt, Misanthrop, Eremit, komischer Kauz mit dünkelhaftem Wesen ist Protagonist dieses Romans. Lipitsch kehrt dem Stadtleben, vielmehr den vielen Menschen dort, den Rücken zu und verlegt seinen Lebensmittelpunkt aufs Land, mietet dort ein Haus und in Gesellschaft an die Wand gepinnter, toter Schetterlinge versucht er an einer philosophischen Abhandlung zu schreiben, alles andere wäre weit unter seinem Niveau, seine einzige Tätigkeit neben existieren. Aufs Land zieht es ihn nicht aufgrund einer Liebe zur Natur, sondern auf der Suche und dem Wunsch nach Einsamkeit, jedoch verkennt er den Unterschied zwischen Einsamkeit und Ruhe, fast menschenlos zu leben und dem Zustand einsam zu sein, denn dies wiederum beängstigt und sorgt ihn dann doch. Er selber sagt von sich, dass er Menschen hasse, die Frage, die sich mir stellt ist eher, ob die Menschen ihn ablehnen in seiner dünkelhaften Art und seiner Weise zu denken und zu handeln. Die Ängste des misanthropischen Lipitsch werden früh angesprochen. Er besucht die Beerdigung eines Verstorbenen, zu dem seit 15 Jahren bereits kein Kontakt mehr besteht, doch nicht aus Trauer, sondern er nutzt den Tod dieser Person dazu, nicht selber vergessen zu werden von den anderen Gästen der Beerdigung und ihm graust es davor, dass ihn dort niemand erwarten könnte. Generell fürchtet er die Rolle des Außenseiters.

Der Besuch der Beerdigung lässt ihn sehr ungewöhnliche Gedankengänge gehen, beispielsweise darüber, dass es sehr schade ist, dass man in der Regel alleine stirbt, einsam, und selten aufgrund eines Unfalls, wie bei einem Flugabsturz, in Gesellschaft. Dies wiederum lässt in ihm die Frage aufkommen, wieso bei solchen Unglücke explizit die Anzahl der verunglückten Kinder erwähnt wird, kommt dann zu dem Schluss, dass es wohl daran liegt, dass man ja nicht wisse, was aus den Kindern geworden wäre, unter Umständen bekannte Persönlichkeiten, deren Namen dann nämlich extra erwähnt würden. Die Gedanken und Überlegungen sind teilweise reichlich skurril und nicht selten sehr anspruchsvoll und schwierig ihnen zu folgen. Da Lipitsch Frauen aber lediglich weibliche Intuition und keine weibliche Intelligenz zuspricht, niemanden als ebenbürtig anerkennt und anderen Menschen per se die kognitive Fähigkeit abspricht ihm folgen zu können,  seine Ausdrucksweise ist sehr gestochen und hohes Niveau, ein weiterer Versuch sich zu überhöhen, ist es nicht verwunderlich, dass es manchmal kein Leichtes ist ihm zu folgen, vor allem für mich als Frau.

Der kurze Exkurs unter die Menschen, anlässlich der Beerdigung lässt Lipitsch’s geliebte Einsamkeit ins Wanken geraten, denn auf dem Rückweg trifft er, durch Zufall oder auch nicht, auf Mathilde. Anhand der Adresse auf dem Koffer, den Lipitsch bei sich hat, erfährt Mathilde, dass sie beide nicht nur aus dem selben Dorf kommen, sondern auch in der selben Strasse, sich sogar gegenüber wohnen. Lipitsch ist Mathilde gegenüber sehr distanziert und teilweise sogar abweisend, jedoch weckt sie sein Interesse mit der Zeit und auch seinen Wunsch, sie näher kennen zu lernen. Dies und auch, dass er sich immer mehr zu ihr hingezogen fühlt, wäre jedoch zu viel von Liptsch erwarten, dies zuzugeben. So arbeitet er an seinem Buch nun vorrangig im Garten, dass sie einer regelmäßigen Tätigkeit nachgeht hat er durchs Fenster bereits beobachtet, gegen 15 Uhr kommt sie immer zurück und zufällig sitzt er zu der Zeit im Garten und hofft darauf, dass Mathilde vorbei kommt und ein kurzes Gespräch beginnt. Sein Werben um Mathilda wirkt sehr tapsig, unbeholfen und letztlich auch nicht sehr zielorientiert. In seiner Egomanie drehen sich gemeinsame Gespräche um ihn, es bleibt nicht viel Platz für Mathilda und ihre Interessen, Themen in ihren Gesprächen. Mit Ende des Sommers wird es am Gartenzaun dann doch zu kühl für tiefsinnige, längere Gespräche und so schlägt Lipitsch vor, sich regelmäßig freitags bei ihm zu Kaffee zu treffen und damit beginnt eine reichlich merkwürdige (Nachbarschafts-) Beziehung und ein Werben umeinander, wie Spinnen, die ihr Opfer in ihrem Netz einweben.

Eine Tragikomödie, voller Sarkasmus und Ironie auf hohem Niveau, sehr fein gezeichnete Charaktere, wirre Gedankengänge, grandiose Sprache, großartiger Satzbau, unglaublich guter Schreibstil. Dieser Roman, Karl Lipitsch mit seinem Wesen und Dasein ist ein gigantisch großer Stern an meinem Lesehimmel. Ana Marwan hat in einem dünnen Buch eine riesige Geschichte mit viel Anspruch verpackt und ihre Sprache und Art zu schreiben machen Der Kreis des Weberknechts noch größer. Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder was von der jungen Autorin lese.